Der Operationswagen aus Heidelberg machte 1957 den Anfang:

Ein umgebauter Reisebus mit Anhänger - zu schwerfällig für die Großstadt.
Trotzdem setzte sich die Idee des Notarztwagens durch.
Schon bald folgten weitere Versuche in anderen Großstädten.

 

Notarztwagen (NAW) und Notarzt-Einsatzfahrzeuge (NEF) gehören heute im bundesdeutschen Rettungsdienst zu den unverzichtbaren und selbstverständlichen Rettungsmitteln. Sie gewährleisten bei lebensbedrohlich Erkrankten und Verletzten schnelle medizinische Hilfe vor Ort. Die frühestrnöglich einsetzende präklinische ärztliche Versorgung verbessert die Prognose bei diesen Patienten entscheidend.

Anfangs waren aber keineswegs alle Mediziner von der Notwendigkeit eines Notarztdienstes restlos überzeugt. Ihr Gegenargument: zumindest in den Großstädten kann jeder Verunglückte in kurzer Zeit in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Auslöser für die Verbesserung des Rettungsdienstes war die sprunghafte Zunahme der Verkehrsunfälle in der ,,Wirtschaftswunderzeit". In Westdeutschland stieg von 1953 bis 1957 die Zahl der Verkehrsunfälle von 472 618 auf 678 866. Parallel nahm die Zahl der Verkehrstoten von 11449 auf 13004 (plus 13,6 Prozent) und die der Verletzten von 315 157 auf 376 141 (plus 20 Prozent) zu.

 

Als sich am 16. Februar 1957 zum ersten Mal der elfenbeinfarben lackierte ,,Operationswagen der Chirurg. Universitäts-Klinik Heidelberg" - so die Beschriftung - auf den Straßen der Neckarstadt zeigte, ahnte wohl niemand, daß mit seiner Indienstnahme der Startschuß für den zukünftigen Rettungsdienst mit Notarztwagen in Deutschland gefallen war.

Den Anstoß zur Anschaffung dieses , für den es kein Vorbild gab, hatte Professor Karl-Heinz Bauer, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik, gegeben. Er beabsichtigte, den Wagen vor allem bei schweren Verkehrsunfällen einzusetzen. Anfang 1957 richtete Professor Bauer an den Heidelberger Oberbürgermeister ein Memorandum, in dem es unter anderem heißt: ,,Ich darf (...) noch darauf hinweisen, daß nach unseren eigenen Ermittlungen von den Verkehrsverletzten ein gewisser Prozentsatz von Schwerstverletzten am Unfallort oder beim Transport zugrunde geht, der beim sofortigen Einsatz am Unfallort durch Fachchirurgen und Anästhesisten gerettet werden kann."

Der technische Aufwand für das Heidelberger ,,Klinomobil" (nicht zu verwechseln mit den ,,Clinomobil" genannten Sanitätsfahrzeugen des Clinomobil-Hospitalwerks in Langenhagen) war beträchtlich. Ein Mercedes Reiseomnibus vom Typ 0 321 H bildete die Basis. Die Fahrzeug- und Karosseriefabrik Vetter in Stuttgart Fellbach hatte den Bus nach den Vorgaben von Professor Bauer umgebaut und eingerichtet. Da die umfangreiche Apparatetechnik eine adäquate Energieversorgung verlangte, wurde ein mobiler Stromerzeuger in einem Einachsanhänger transportiert. Die Fahrer stellte die Feuerwehr Heidelberg. Sehr bald zeigte sich in der Praxis, daß der über neun Meter lange Omnibus mit seinem Anhänger im Stadtverkehr sehr schwerfällig war. Ernüchternde Erfahrungen machte auch das Ärzteteam: Operative Eingriffe auf der Straße waren in den allermeisten Fällen medizinisch gar nicht geboten. Die wichtigsten und häufigsten Maßnahmen bestanden in der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung stabiler Vitalfunktionen. Fazit: Geräteausstattung und Personalaufwand des Klinomobils waren zu aufwendig. Zur Erstversorgung und Wiederbelebung von Personen benötigt man keinen fahrbaren Operationssaal.

So verflog allmählich die anfängliche Euphorie. Das Klinomobil kam immer seltener zum Einsatz, bis schließlich Ende 1960 sein Betrieb gänzlich eingestellt wurde. Dennoch war es Professor Bauer, der mit diesem Modellversuch den Vorläufer unseres heutigen Notarztwagens kreierte.

 

Das ,,Modell Köln": ein Lkw von Ford

Nur kurze Zeit später, am 3. Juni 1957, ging in Köln ein ,,Notfallarztwagen" in Dienst. Dieses Fahrzeug glich einem heutigen bereits stark. Wiederum ging die Initiative von einem Chirurgen aus. Professor Victor Hoffmann, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Köln, und sein damaliger Assistenzarzt, Dr. Engelbert Friedhoff, organisierten damit den ersten geregelten Notarztwagendienst in der Bundesrepublik.

Das Basisfahrzeug war eine Nummer kleiner als das Heidelberger Modell. Die Beschaffung eines 2,54-Lkw; Modell Ford FK 2500, erfolgte mit finanzieller Unterstützung der Ford-Werke und des Verbands der Haftpflicht-, Unfall- und Kraftfahrzeugversicherer (HUK). Die Firma Miesen in Bad Godesberg besorgte den Innenausbau. Zur medizinischen Ausstattung zählten ein Narkose-Kreisteil mit Absaugvorrichtung, Intubations- und Operationsbesteck, ein tragbares Beatmungsgerät, Blutersatzflüssigkeit und Medikamente. Zu deren Unterbringung diente ein Wandschrank, der auch eine Waschgelegenheit enthielt. Mitgeführt wurde auch ein erster ,,Notfall-Arztkoffer" (später nach DIN 13 232 genormt), bestückt für die Erstversorgung von Patienten. Die fachliche Betreuung des als Felderprobung laufenden Projektes übernahm das Verkehrswissenschaftliche Institut der Universität Köln. Organisatorisch war der Notfallarztwagen in das Rettungssystem der Berufsfeuerwehr Köln eingebunden, die auch die Besatzung stellte, und wurde linksrheinisch an der Feuerwache Lindenthal stationiert. Der diensthabende Notarzt befand sich an der nahegelegenen Chirurgischen Universitätsklinik und wurde im Einsatzfall vom Notfallarztwagen von dort abgeholt. Dieses Verfahren war allerdings nur solange akzeptabel, wie sich der Ausrückebereich im wesentlichen auf die westlichen Stadtteile beschränkte.

Zunächst mußten die Feuerwehrbeamten jeweils zwischen ,,Unfallrettungswagen" (URW) und Notarztwagen ständig wechseln. Ab Sommer 1959 waren für beide Systeme feste Besatzungen vorhanden.

Im ersten Betriebsjahr waren nur rund 200 Einsätze zu verzeichnen.

Die medizinische Ausrüstung wurde aufgrund der Erfahrungen laufend ergänzt und verbessert. Nach einem Jahr kam ein Defibrillator an Bord. Die zum Notarztdienst eingeteilten Feuerwehrbeamten - vier auf jeder der beiden Wachabteilungen erhielten in der Universitätsklinik Zusatzausbildungen für die Assistenz der Notärzte. Nachdem die Erprobungsphase Mitte 1959 erfolgreich beendet war, erwarb die Stadt das Fahrzeug, das nunmehr als Notarztwagen ,,NAW West" bei der Berufsfeuerwehr Köln seinen Dienst versah. Das Fahrzeug war jetzt an der Hauptfeuerwache Melchiorstraße stationiert und damit näher an das rechtsrheinische Stadtgebiet gerückt. Der NAW-West konnte die steigende Zahl von Einsätzen bald nicht mehr allein bewältigen, auch dauerten die Anfahrten in den Osten Kölns vielfach unverhältnismäßig lange. Ein zweiter Notarztwagen, der ,,NAW-Ost", ergänzte das Rettungssystem ab 28. April 1959. Er war zunächst an der Feuerwache Deutz stationiert, während die Notärzte vom städtischen Klinikum Köln-Merheim gestellt wurden. Dort war Professor Gustav Heinz Engelhardt tätig. Er war maßgeblich am Ausbau des Kölner NAW-Dienstes beteiligt und fuhr selbst über 1000 Einsätze mit.

Für den zweiten NAW konnte kostengünstig ein vorhandener 1,75 Tonnen des Malteser Hilfsdienstes (MHD) verwendet werden. Die Firma Miesen gestaltete die Innenausstattung des bislang als ,,Apothekenwagen" eingesetzten Fahrzeugs nach dem Vorbild des NAW-West um, so daß beide in etwa baugleich waren. Dieser "Operationswagen" hat eine bewegte Geschichte erlebt:
Zunächst als mobile Feldapotheke vom MHD München in Auftrag gegeben und nach Fertigstellung in den Ungarn-Aufstand geschickt, gelangte er schließlich zur Firma Miesen nach Bonn und wurde dort zum "Notfall-Arzt- und Operationswagen" umgebaut. Anschließend rollte er in Köln als NAW. Nachdem er hier außer Dienst gestellt wurde, nutzte der MHD in Würzburg den Wagen noch einige Jahre als NAW. Das letzte, was von ihm bekannt geworden ist, war die Nutzung als Lieferwagen durch einen Brennstoffhändler.

Nach siebenjähriger Einsatzzeit erhielt der NAW-West einen Nachfolger: einen Thames Trader mit verbesserter Federung und größerer Stehhöhe. Den Innenausbau nahm wiederum die Firma Miesen vor. Der NAW ging im September 1964 an der Feuerwache Innenstadt (Agrippastraße) in Dienst.

 

Rettungswagen mit Hubplattform am Heck

1967 beschaffte die BF Köln als Ersatz für Unfallrettungswagen auf VW-Typ 2-Basis drei größere Rettungswagen auf OM-Fahrgestellen, Typ Daino von , mit Ausbau von Miesen. Eine Besonderheit stellte die hydraulische am Heck zur einfacheren Tragenbeladung dar. Wenn auch für diese Rettungsfahrzeuge keine fest zugeordnete ärztliche Besetzung zur Verfügung stand, so boten sie doch das Raumangebot und die medizintechnische Ausrüstung wie die beiden vorhandenen NAW. Diese Entscheidung machte sich wenig später mit Einführung des Rendezvoussystems bezahlt. Im Jahre 1968 nahm die Berufsfeuerwehr Köln nämlich schrittweise eine grundlegende Umstellung ihres Notarztwagendienstes vor. Er wurde nun mit genormten Rettungswagen (RTW) und ,,Notarzt-Funkdienstwagen" - dem Vorläufer der ab 1982 genormten Notarzt-Einsatzfahrzeuge - durchgeführt. Während der nächstgelegene RTW von einer Feuerwache ausrückte, fuhr der Notarzt von ,,seinem" Krankenhaus zur Unfallstelle und traf sich zum Rendezvous mit der RTW-Besatzung.

Als erster versah ab Juni der ,,Notarzt-Ost" seinen Dienst auf diese Weise, ein Jahr später folgte der ,,Notarzt-West". Ihnen standen je ein Pkw Ford 12 M zur Verfügung, die vier verschiedene Notfallkoffer mitführten. 1968/69 kamen fünf Rettungswagen auf Büssing Fahrgestellen, Typ OM 45, hinzu, diesmal mit Ausbau durch die Saarbrücker Karosseriefabrik.

Ab 1971 gliederte sich das Krankenhaus Worringen mit dem ,,Notarzt-Nord" ebenfalls in den Kölner Notarztdienst ein. 1975 folgten die Krankenhäuser Porz und Wesseling. Damit hatte der Aufbau des Kölner Notarztwagendienstes seinen vorläufigen Abschluß gefunden.

Heute gewährleisten 18 Rettungswagen und fünf Notarzt Einsatzfahrzeuge sowie ein BabyNAW den Rettungs- und den Notarztdienst.

 

München: Wie die BF zum Notarztdienst kam

1965 und 1966 bot Professor Fritz Holle, damaliger Chef der Chirurgischen Poliklinik der Universität München, während öffentlicher Diskussionen über das Rettungswesen an, zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Unfallchirurgen außerhalb des Hauses zur Verfügung zu stellen. Die Berufsfeuerwehr, die ansonsten für den Rettungsdienst nicht zuständig war, griff sofort zu. Ihr Leiter, Oberbranddirektor Karl Seegerer, hatte in Köln, den dortigen Notarztdienst kennen- und schätzen gelernt. Seegerer war dort bis 1960.

Als Geburtsstunde des Münchner Notarztdienstes gilt der 30. März 1966. Von diesem Tag an wurde bei allen Feuerwehreinsätzen mit Gefahr für Menschenleben ein ,,Funkdienstwagen" (Einsatzleitwagen) von der Hauptfeuerwache zur Poliklinik entsandt, um dort einen Notarzt aufzunehmen und in Alarmfahrt zur Unfallstelle zu bringen. Die ersten Erfahrungen mit diesem Zubringerdienst durch einen BMW 501 waren vielversprechend. Seegerer: ,,Selbst in dieser noch recht primitiven Form hatte sich der Notarztdienst schon nach wenigen Monaten als uneingeschränkt wertvoll erwiesen."

Als Ansprechpartner für die Feuerwehr benannte Professor Holle einen seiner beiden Oberärzte, den engagierten Privatdozenten Dr. Rainer E Lick. Er trieb den Aufbau des Münchner Notarztdienstes in den folgenden Jahren zielstrebig voran. Vom 30. März 1966 bis 30. September 1968 wurden 1232 Notarzteinsätze gefahren.

Die in einem Pkw mitzuführende ärztliche Ausrüstung war aus Platzgründen begrenzt. Sie bestand aus einem Arztkoffer und einem genormten Feuerwehrsanitätskasten. Darum stellte die Branddirektion bald darauf einen ihrer sechs Unfallrettungswagen, einen Ford Transit FT 100, mit zweiköpfiger Besatzung ständig bereit.

Gleichzeitig plante die Branddirektion ihren ersten speziellen Notarztwagen, der rund zwei Jahre später, am 29. Januar 1968, an der Chirurgischen Universitäts-Poliklinik in Dienst genommen werden konnte. Es handelte sich um einen Magirus M 110 D 7 FL mit Ausbau durch die Firma Miesen. Von diesem Typ, intern Jumbo" genannt, wurden 1969 und 1971 je ein weiterer NAW beschafft. Versuchsweise waren ein Opel Blitz (Leihgabe des DRK-Präsidiums in Bonn) und ein Peugeot J 7 F (Firmengeschenk) vorübergehend im Einsatz.

Für die zweite NAW-Generation, die ab 1972 von der Branddirektion eingeführt wurde, kamen Kastenwagen von , Typ L 408 bzw. L 409 zur Verwendung.

Der Ausbau des flächendeckenden Münchner Notarztdienstes unter Beteiligung der Berufsfeuerwehr vollzog sich in mehreren Schritten. Der von der Berufsfeuerwehr unterhaltene und besetzte Notarztwagen ist jeweils an einem Krankenhaus stationiert (Stationsprinzip). Nach dem ersten NAW an der Chirurgischen Universitäts-Poliklinik 1968 kamen sieben weitere NAW hinzu.

Heute sind neun Notarztwagen vorhanden, ergänzt durch drei Notarzteinsatzfahrzeuge, darunter eins für den Kinder-Notarzt.

 

Notarztdienst in Frankfurt

Den Notarztdienst in Frankfurt am Main begann die Berufsfeuerwehr unter Branddirektor Ernst Achilles 1965 zu organisieren. Die ärztlich-medizinische Federführung lag in den Händen des Leiters der Polizeiärztlichen Abteilung der Stadt, Obermedizinalrat Dr. Theo Kunz.

Am 8. Juni 1966 ging am Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus der erste Frankfurter Notarztwagen in Dienst. Der zweite NAW wurde am 7. Juli 1967 an der Universitätsklinik, der dritte am 1. November 1968 am Städtischen Krankenhaus Höchst stationiert.

Als Basisfahrzeug diente in allen Fällen ein Mercedes-Benz, Typ L 408, mit Hochdach und Miesen-Ausbau. Dr. Kunz lobte: ,,Dieses Fahrzeug hat gute Fahreigenschaften bei hinreichender Beweglichkeit im Straßenverkehr. Sein hervorstechendes Merkmal ist aber die optimale Ausnutzung des geräumigen, leicht zu reinigenden und zu desinfizierenden Innenraumes mit einer durchgehenden Stehhöhe von 1,90 m." Eine solch große Stehhöhe war bislang noch bei keinem anderen NAW verwirklicht worden. Die Branddirektion blieb bei den folgenden NAW-Beschaffungen beim Fabrikat Mercedes-Benz.

Doch im Februar 1985 sorgte ein neuer, in seiner Art einmaliger Notarztwagen für Aufsehen. Professor Achilles beschaffte den ersten NAW mit patientenschonender Hinterachs-Luftfederung. Auf die Plattform des , Typ N 907, setzte die Stuttgarter Firma Gottlob Auwärter einen geräumigen NAW-Aufbau. Den Innenausbau nahm die Firma Binz vor. Durch Ablassen der Luft in den Federbälgen konnte der Wagenboden im Heckbereich um 250 Millimeter abgesenkt werden, damit Krankentragenfahrgestelle direkt in den Behandlungsraum zu rollen waren.

Ein zweiter Notarztwagen auf der Basis des Neoplan-Busses kam 1987 hinzu. Im Interesse größerer Wendigkeit war hier der Radstand um 80 Zentimeter verkürzt.

Heute unterhält die Berufsfeuerwehr Frankfurt neben den Rettungswagen an jeder der sieben Feuerwachen drei NAW einen Baby-NAW sowie einen Intensiv-Verlegungs-NAW.

 

Mit dem Clinomobil durch Hamburg

In der Hansestadt Hamburg unternahmen Feuerwehr und Gesundheitsbehörde seit 1963 mehrere gemeinsame Versuche mit ,,arztbesetzten Unfallwagen". Damit sollte festgestellt werden, bei wieviel Einsätzen eines Unfallwagens ärztliche Maßnahmen erfolgreich sind. Eine Alarmierungsvorgabe für bestimmte Einsätze erfolgte nicht. Für den Testbetrieb standen vom 1. Januar 1963 an ein Borgward-Sanitätskraftwagen der Bundeswehr zur Verfügung, ab 1. Februar ein ,,Clinomobil" auf VW-Transporter-Basis des Clinomobil-Hospitalwerks. Beteiligte Dienststellen waren das Allgemeine Krankenhaus St. Georg und die nahegelegene Feuerwache Berliner Tor. Bis zum 31. Juli wurden beide Fahrzeuge im Wechsel eingesetzt, so daß direkte betriebliche Vergleiche möglich waren. Nach der siebenmonatigen Testphase gaben die Beteiligten folgende fahrzeugtechnische Beurteilung ab:

Der Borgward besaß zwar einen ausreichend großen Innenraum, war aber zu hart gefedert und zudem untermotorisiert. Das ,,Clinomobil" wurde noch schlechter beurteilt. Es bot weder genügend Innenraum - der VW war damals noch mit einem Heckmotor ausgestattet - noch genügende Motorleistung.

Die medizinische Beurteilung fiel weitaus positiver aus. In der Versuchszeit wurden 1470 Einsätze gefahren. Die notwendigen ärztlichen Maßnahmen waren Beatmung, Kreislaufstützung und Schockbekämpfung. Größere chirurgische Eingriffe oder gar Notoperationen waren nicht erforderlich. Diese Erfahrungen führten in Hamburg zu der Empfehlung, auf Notarztwagen keine Chirurgen, sondern möglichst Anästhesisten einzusetzen.

Insgesamt war der Versuchsbetrieb so erfolgreich verlaufen, daß der Senat der Freien und Hansestadt die Einrichtung eines flächendeckenden Notarztwagendienstes nach dem Stationsprinzip beschloß. Die Berufsfeuerwehr ist für die Einsatzfahrzeuge und das Rettungsfachpersonal verantwortlich. Strategisch ausgewählte Krankenhäuser stellen die Notärzte.

Der erste, ständig besetzte Notarztwagen ging am 10. Januar 1968 am Allgemeinen Krankenhaus St. Georg in Dienst, allerdings zunächst nur in der Zeit von 8 bis 18 Uhr. Die Feuerwache Berliner Tor stellte die besonders ausgebildeten Feuerwehrbeamten als Rettungsdienstbesatzung einschließlich Fahrer. Als Basisfahrzeug diente ein ehemaliger ,,Großunfallwagen" (mit Kurbel-Hochdach), der von der Firma Herrmann aus Hamburg entsprechend umgebaut wurde. Er war für damalige Verhältnisse sehr gut ausgestattet und verfügte sogar über ein festeingebautes Narkose-Kreisteil.

Nachdem die notwendigen Arztstellen bewilligt waren, nahm der NAW am 22. März 1972 einen 24-Stunden-Dienst auf. Jetzt stand ein neuer NAW' Modell Mercedes-Benz L 408 G mit Ausbau von Binz zur Verfügung.

Schrittweise wurden bis 1993 sechs NAW eingeführt. Ein spezieller Baby-Notarztwagen kam am 8. Februar 1993 hinzu. Zur Zeit besteht der Notarztdienst der Feuerwehr Hamburg aus vier NAW und vier NEF, verstärkt um einen NAW des Bundeswehrkrankenhauses.

 

Die Notärzte der ,,Schnellen Medizinischen Hilfe"

Auch die DDR führte im Rahmen des allgemeinen Rettungsdienstes die präklinische Versorgung ein. Zuständig dafür waren nicht die Feuerwehren, sondern das Rote Kreuz.

Der Minister für Gesundheitswesen ordnete am 9. März 1976 den Aufbau der ,,Schnellen Medizinischen Hilfe" (SMH) an. Sie gliederte sich in ,,Dringlichen Hausbesuchsdienst" (DHD) und ,,Dringliche Medizinische Hilfe" (DMH). Vorangegangen waren Versuche in Berlin und Magdeburg. Der DHD entsprach damit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst' die SMH dem Notarztdienst in Westdeutschland.

Die im ambulanten DHD tätigen Ärzte führten den Notdienst mit Hilfe des sogenannten ,,Wartburg med" durch, einen aus dem Kombi-Pkw Wartburg, Typ 353 W Tourist, entwickelten Einsatzfahrzeug, das dem westdeutschen NEF in etwa vergleichbar war.

Als Basisfahrzeug für die DMH stand zunächst der Allroundtransporter B 1000 in Serienausführung, das heißt als Kastenwagen, zur Verfügung. Da dessen Raumangebot völlig unzureichend war, erhielt er ab 1984 einen Spezialaufbau mit größerer Breite und Höhe. Die Innenraumhöhe betrug allerdings nur 1,65 Meter. Dieser Typ, intern als SMH-3 bezeichnet, konnte dem Vergleich mit einem westdeutschen Notarztwagen nicht standhalten.

 

Versuche auch im Bergischen Land

Nicht nur in Großstädten, auch in kleineren Gemeinden und Landkreisen liefen Initiativen unter Beteiligung der Hilfsorganisationen und der Bundeswehr, um den Notarztdienst aufzubauen. Bereits 1963 hatte Professor Wolfgang Herzog am Städtischen Krankenhaus Gummersbach (Bergisches Land) einen Notarztdienst eingerichtet. Seit dem 16. Mai 1964 war an der Heidelberger Universitätsklinik ein ,,Arzteinsatzwagen" unter Leitung von Professor Eberhard Gögler im Dienst.

Allmählich setzte sich statt der traditionellen Auffassung ,,So schnell wie möglich ins Spital" die Erkenntnis durch, daß der Patient erst in ein Krankenhaus - und zwar so schonend wie möglich - zu befördern ist, nachdem ihm qualifizierte Erstversorgung am Einsatzort zuteil geworden ist. Für die konsequente Umsetzung dieses Ziels setzten sich in den 60er Jahren überregional Professor Friedrich Wilhelm Ahnefeld' Leiter des Department für Anästhesiologie der Universität Ulm, und Dr. Bodo Gorgaß unermüdlich ein. Am dortigen, von der Universität und dem Bundeswehrkrankenhaus gemeinsam betriebenen Rettungszentrum Ulm nahmen sie 1971 einen eigenen NAW in Betrieb.

Laut Statistik des Deutschen Feuerwehrverbandes (Stand 1997) sind bei den deutschen Feuerwehren 101 Notarztwagen und 203 Notarzt-Einsatzfahrzeuge in Dienst.